Start  > Themen  > Auswanderungswelle

Auswanderungswelle im 19. Jahrhundert

Mit den umwälzenden Reformen Napoleons im staatlichen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und sozialen Bereich hielt auch das Gedankengut der französischen Revolution Einzug in unsere Heimat: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Bei unseren Vorfahren wurden Hoffnungen geweckt, die auch nach der Niederlage Napoleons nicht in Erfüllung gingen.

Das 19. Jahrhundert war geprägt von unablässigem Streben der Bevölkerung nach politischen und wirtschaftlichen Veränderungen; doch Fortschritte zeigten sich nur sehr zögernd, und enttäuscht verließen viele ihre Heimat, teils aus politischen, teils aus wirtschaftlichen Gründen, einige aus Abenteuerlust.

Die Zahl der Auswanderer aus dem Gillbachland war nie so groß wie im
19. Jahrhundert. Der alles überwiegende Grund war die Hoffnung auf ein besseres Leben. Diese Kunde vom „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ hatte sich auch in den Dörfern am Gillbach verbreitet. Außer in der Landwirtschaft bot die alte Heimat keine anderen Erwerbsmöglichkeiten. Berufe wie Weber, Färber und andere Handwerkszweige wurden aufgrund der aufkommende Industrialisierung unrentabel. 

Die aktenmäßige Erfassung von Auswanderern aus dem gesamten Kreisgebiet und aus benachbarten Gillbachdörfern erfolgte seit dem Jahr 1833. In Nettesheim-Butzheim setzte diese Welle erst 1847 ein. Hintergrund hierfür sind die bis dahin eingetroffenen positiven Erfahrungsberichte der zwischenzeitlich in Amerika sesshaft gewordenen Auswanderer.

Die Zugehörigkeit des Rheinlandes zu Preußen machte es für Auswanderungswillige zwingend erforderlich, einen Antrag auf Bewilligung (Konsens) beim Bürgermeister zu stellen, der dann über den Landrat zur Regierung in Düsseldorf zur Entscheidung geleitet wurde. Einem Gesetz entsprechend mussten in diesem Antrag die Gründe für das Auswanderungsvorhaben angegeben werden. Darüber hinaus musste das Vorhandensein der für die Schiffsreise erforderlichen finanziellen Mittel erklärt werden. Dies hatte zur Folge, dass bei der Auswanderung ganzer Familien der gesamte Besitz verkauft wurde. Durch den Verkauf wurden eventuell vorhandene Schulden beglichen, und somit eine der Auswanderungsvoraussetzungen erfüllt.

 Als nicht unerhebliche rechtliche Folge ist zu sehen, dass jeder Auswanderer mit dem Konsens aus der preußischen Staatsbürgerschaft entlassen und somit zum Staaten- und Heimatlosen wurde. Ferner war eine Rückkehr zum einen aus finanziellen Gründen in der Regel unmöglich und zum anderen war eine Wiederaufnahme in Preußen mittels einer Einreiseerlaubnis nur schwer zu bewirken.

Bei Erteilung des Konsens musste der nunmehr Staatenlose Preußen in der Regel innerhalb von drei bis vier Wochen verlassen.  

Männer zwischen 17 und 25 Jahren mussten durch Vorlage einer schriftlichen Bescheinigung der Militärbehörde nachweisen, dass sie nicht lediglich der im Jahr 1814 eingeführten preußischen Wehrpflicht entgehen wollten.
Lagen alle staatlichen Genehmigungen vor, musste nunmehr die für damalige Verhältnisse lange und beschwerliche Reise organisiert werden. Die meisten der zukünftigen Auswanderer hatten jedoch vorher das Gillbachland nie verlassen, viele von ihnen kannten selbst die benachbarten Städte nur aus zweiter Hand.

Staatlich anerkannte Agenturen in Köln oder Düsseldorf boten mit Werbeschriften die Organisation und Durchführung des Schiffstransports von Bremen oder Hamburg nach New York an. Hierfür musste der Reisende im Voraus zahlen. Nicht selten wurden meist arme Leute durch unlautere Geschäftemacher um ihr gesamtes Hab und Gut gebracht.

Eine zahlenmäßige Übersicht gibt Aufschluss über die Auswanderungen in den einzelnen Jahren:

1847:  1                                 1871:  11

1856:  37                               1872:  19

1857:  43                               1873:  5

1858:  2                                 1875:  1

1860:  5                                 1878:  1

1865:  6                                 1880:  1

1866:  12                               1881:  12

1867:  37                               1885:  3

1868:  43                               1894:  1

1869:  11

Insgesamt sind in den o. g. Jahren 251 Personen ausgewandert. Wo die einzelnen Familien konkret sesshaft geworden sind, ist leider nicht bekannt. Aufgrund der fehlenden englischen Sprachkenntnisse, siedelten die Deutschen meist in größeren Gruppen. So kennen wir Stadtteile, die sich heute noch „Germantown“ (z.B. Philadelphia) nennen.

Unbekannt bleiben jene Auswanderer, die ohne Genehmigung auswanderten und somit nirgendwo namentlich erfasst sind.


Quelle: „Leben am Gillbach“; Nettesheim-Butzheim 1800 - 1974;
Autor: Josef Schmitz

Herausgeber: Gemeinde Rommerskirchen