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Die Frankenzeit in Rommerskirchen



Erste Hinweise auf eine fränkische Bevölkerung in Rommerskirchen lieferte eine Grabung in der Kirche von St. Peter zu Rommerskirchen in den Bonner Jahrbüchern, die wie folgt zitiert werden.

Rommerskirchen (Rhein-Kreis Neuss). In Zusammenhang mit der Kunstdenkmäleraufnahme Rheinland wurde in den Jahren 1950 bis 1951 die im Kriege zerstörte Pfarrkirche St. Peter vor ihrem Wiederaufbau unter der örtlichen Leitung von P. J. Tholen untersucht. Die Ausgrabung durfte sich mannigfacher Unterstützung durch die katholische Pfarrgemeinde erfreuen. Die Untersuchung (Abb.) ergab zunächst, dass die Kirche auf einem älteren fränkischen Gräberfeld angelegt war.
Wenn sich von der hier zu vermutenden fränkisch-karolingischen Holzkirche auch keine unmittelbaren Spuren fanden, so kann ihr einstiges Vorhandensein doch mit ziemlicher Sicherheit aus der eigenartigen Anordnung der in der Kirche angelegten Gräber erschlossen werden. Zunächst ist von Bedeutung, dass diese Gräber, von denen drei Beigaben des 7. und eines solche des frühen 8. Jahrhunderts enthielten, genau in der Ost-West-Richtung der Kirche liegen. Weiterhin sind die Gräber in einer für Reihengräberfriedhöfe gänzlich ungewöhnlichen Weise so angelegt, dass zwei in der Mitte der Kirche nebeneinander liegenden Grabreihen sowohl im Norden als im Süden je eine Reihe von Gräbern entspricht, welche von jenen durch grableere Zwischenräume von 1,0 - 1,4 m Breite getrennt sind, von denen nur der nördliche durch ein Grab des 7. Jahrhunderts unterbrochen ist.

In Analogie zu den dreischiffigen Holzkirchen von Breberen und Doveren1) sind diese leeren Streifen zwischen den Grabreihen wohl nur als Auflagestellen von Schwellbalken zu erklären, in die einst die Pfosten des Mittelschiffes einer Holzkirche eingelassen waren. Die Außenwände der so zu erschließenden Holzkirche sind offenbar bei der Anlage der rechteckigen Saalkirche mit Rechteckchor im späten 9. oder im 10. Jahrhundert zerstört worden. Die lichte Breite der Holzkirche dürfte demnach etwa 8 m, die des Mittelschiffes etwa 2,5 m und die der Seitenschiffe etwa 1,7 m betragen haben2). Unter der Annahme, daß die Steinkirche des 9. - 10. Jahrhunderts – wie z. B. auch in Palenberg und Pier3) – die Maße der Holzkirche ungefähr beibehalten hat, ist die Länge der Holzkirche auf etwa 12 m zu schätzen. Ob sie einen Rechteckchor besessen hat, wie die Holzkirche in Pier, oder ein rechteckiger Saalbau war, wie die von Palenberg, ist nicht zu entscheiden. Ein gewisser Anhaltspunkt für die Lage der östlichen Abschlusswand der Kirche ergibt sich aus der östlich der Steinkirche liegenden Gruppe von südwestlich-nordöstlich gerichteten Gräbern, welche mit einiger Wahrscheinlichkeit zu Zeit der Holzkirche außerhalb derselben angelegt worden sind.
Die Datierung der Holzkirche ist einerseits dadurch bestimmt, dass sie ein Grab des 7. Jahrhunderts überschneidet, dass sich andererseits aber noch zwei Gräber mit Beigaben des 7. und eines mit solchen des frühen 8. Jahrhunderts unter den bereits in der Kirche angelegten Gräbern befinden. Die Kirche dürfte demnach in der Zeit um die Wende des 7. zum 8. Jahrhundert angelegt worden sein, in der Zeit also, in der die Beigabensitte erloschen ist und im fränkischen Gebiet an Mosel und Rhein etwa gleichzeitig die ersten Holzkirchen bei den ländlichen Siedlungen entstanden sind.  Durch den Reichtum an Beigaben zeichnet sich das Grab des frühen 8. Jahrhunderts vor den beiden anderen Gräbern aus. Da es sich in der Nähe des Altarraumes befand, ist wohl anzunehmen, dass die an diesem bevorzugten Platz beigesetzte Frau der vornehmen Familie angehört hat, welche die Kirche gestiftet hat. Das Grab überschnitt Reste einer älteren, mit Steinen eingefassten Grabanlage des der Kirche vorhergehenden Reihengräberfriedhofes.
Es hatte eine Länge von 2,18 m, eine Breite von 0,87 -  0,94 m und eine Tiefe von 3 m unter der heutigen Oberfläche. Der Boden und die Wände bis in eine Höhe von mindestens 0,42 m über der Sohle waren mit Brettern belegt, welche von einer Holzkammer herrühren, in der die Tote beigesetzt war. Das Skelett war ungestört gut erhalten.

An Beigaben (Taf. 57) fanden sich:

Inv. D 1048 a, b. Ein Paar Sternfibel auf der linken Brustseite. Bronzeplatte, darauf dünnes Goldblech aufgelötet. Auf dieses elf tropfenförmige Buckel um einen halbkugeligen Mittelbuckel aufgelötet. Dm. 3cm.

c. Rundfibel auf der linken Brustseite. Bronzeplatte, darauf dünnes Goldblech    verlötet. In der aufgelöteten, von je sieben goldenen und silbernen, miteinander abwechselnden, aufgelöteten Buckeln umgebenen Mittelfassung mit gerieftem Rand blaue Glaseinlage. Am Rand doppelter tordierter Golddraht aufgelötet. Dm. 3cm.

d. Halsschmuck am Hals, bestehend aus fünf vierkantigen Goldblechröhren, auf deren Aussenseite gewellte Goldblechbänder aufgelötet sind, und sechs schildförmigen Goldblechanhängern von 2,2 - 2,5 cm Länge. Auf drei Anhängern sind je drei Fassungen mit Almandineneinlagen, auf den drei andere halbkugelige Goldbuckel aufgelötet, welche jeweils mit tordiertem Golddraht eingefasst sind. Die Anhänger sind außerdem mit kleinen Filigrankreisen verziert, ihr Rand ist mit doppeltem tordiertem Golddraht eingefasst.

e. Goldblechkreuz am Kopf, zwei übereinander gelötete Goldblechstreifen mit durchlochten Enden, durch die sie ursprünglich wohl auf einer Haube oder dergl. vernäht waren. Länge 3,6 und 3,9 cm.

f,g. Zwei Silberohrringe beiderseits des Kopfes. Von dem schlaufenförmigen Ende ist eine zur Mitte doppelkonisch anschwellende Golddrahtspirale aufgesetzt. Dm. etwa 7 cm.

h. Kleine Silbernadel mit kugeligem Kopf am linken Schulterblatt. Länge 4,3 cm.

i. Bronzeschnalle mit kleinem rechteckigem Beschlag, darin drei Nieten, am linken Oberschenkel. 3 x 2 cm groß.

k. Kleines Eisenmesser mit anhaftenden Leder- und Geweberesten von der Scheide am linken Oberschenkel. Länge noch 9 cm.

Für den Zeitansatz des Grabes ist zunächst dadurch ein terminus post quem gegeben, dass die Fibeln in den geläufigen Reihengräberninventaren des 7. Jahrhunderts noch nicht erscheinen. Auch die Form der Schnalle mit kleinem rechteckigem Beschlag fehlt in den typischen Grabinventaren des 7. Jahrhunderts noch und ist offenbar erst im 8. Jahrhundert geläufig geworden. Zum Vergleich ist besonders eine Schnalle aus einem Graub von Cannstatt4) wichtig, die durch ihre Perlrandnieten mit den Riemenbeschlägen des karolingischen Grabes von Staufen in Beziehung zu setzen ist5). Dieses enthält außerdem ebenfalls eine Schnalle mit kleinem rechteckigem Beschlag und weiterhin finden sich auf seinen Riemenzungen Almandineneinlagen in kleinen kreisrunden Fassungen, welche sich erst in der Zeit nach 700 größerer Beliebtheit erfreuten6). Diese Form der Almandineneinlagen begegnet auch auf den Anhängern der Halskette unseres Rommerskirchener Grabes, das nach den angeführten Vergleichsfunden in den Beginn des 8. Jahrhunderts zu datieren ist.

Von späteren Kirchenanlagen fanden sich die Fundamente der bereits erwähnten rechteckigen Saalkirche mit Rechteckchor, die im späten 9. oder 10. Jahrhundert erbaut worden ist, sowie die Grundmauern der romanischen und gotischen Kirchenanlagen (siehe Abb. Kirchengrundriss).                                  

Verbleib der Funde: Rheinisches LandesMuseum Bonn (Inv. D 1006-1057). 
(Böhner)


Kirche St. Peter in Rommerskirchen mit fränkischen Gräbern.
Kirche St. Peter in Rommerskirchen mit fränkischen Gräbern.


Anmerkungen: 

  1. Bonn. Jahrb. 150, 1950, 192 ff.
  2. Die Holzkirche von Breberen hatte eine Länge von etwa 15,5 m und eine Breite von etwa 11 m, wobei das Mittelschiff etwa 7 m und die beiden Seitenschiffe je 2 m maßen. Über kleinere Holzkirchen vgl. K. Böhner, Die fränkischen Altertümer des Trierer Landes (1958) 348 ff.
  3. Vgl. die Pläne in ‚Neue Ausgrabungen in Deutschland’, herausgegeb. Von der Röm. Germ. Kommission des Deutschen Archäol. Instituts (1958) 462 f. Abb. 19-20.
  4. W. Veeck. Die Alemannen in Würtemberg (1931) Taf. 48 B1. – Vgl. ferner die Schnallen ebenda Taf. 49 A, 2. 3. 5.