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Bericht über die Grabung in Evinghoven



Bemerkungen zu einer ländlichen Siedlung
des 1.-4. Jahrhunderts im südlichen Niedergermanien

Andreas Schaub

Im Frühjahr und Sommer 2003 konnten im Vorfeld der Erschließung eines Neubaugebietes, auf einer zuvor landwirtschaftlich genutzten Fläche am Nordrand von Rommerskirchen-Evinghoven (Rhein-Kreis Neuss), ca. 0,62 ha einer Villa rustica1 untersucht werden.2 Der heutige Ort Evinghoven liegt zwischen Rhein und Erft, ca. 12 km südlich von Neuss/Novaesium, 10 km westlich von Dormagen/Durnomagus und 25 km nordwestlich von Köln/Colonia Claudia Ara Agrippinensium (Abb 1).

Der Fundplatz selbst befindet sich an einem Hang, der leicht nach Osten zum nahe vorbeifließenden Gillbach abfällt. Aufgrund der Befundlage sowie nach Oberflächenfunden zu urteilen erstreckte sich die Siedlung ursprünglich weiter nach Süden, Westen und Norden über das Untersuchungsgebiet hinaus. Lediglich im Osten war ein deutliches Ausdünnen der Befunde festzustellen (Abb. 2).

Der Erhaltungsgrad war größtenteils wegen jahrzehntelanger agrarischer Nutzung sehr schlecht. Laufniveasus und aufgehendes Mauerwerk wurden nur in Ausnahmefällen vorgefunden. Selbst die Fundamentbereiche des Hauptgebäudes waren weitgehend erodiert.

Eine chronologische Gliederung der Siedlung kann vor der abschließenden Fundbearbeitung nur grob in eine Früh-, Haupt- und Spätphase erfolgen.3

 

Abb. 1: Villae rusticae im südlichen Niedergermanien (nach Kunow) mit schematischer Darstellung der wichtigsten Verkehrswege.
Abb. 1: Villae rusticae im südlichen Niedergermanien (nach Kunow) mit schematischer Darstellung der wichtigsten Verkehrswege.

 

 

Abb. 2: Rommerskirchen-Evinghoven, (Gesamtplan der römischen Befunde: Hauptgebäude (schematisch), Periode 1 = schwarz; Periode 2 = dunkelgrau; Teich/Weiher = türkis; B = Brunnen; Of = Ofen; F = Fibelfunde; 1 Jh = Befunde der Frühphase; Spa = Befunde Spätphase, 1 - 16 = im Text erwähnte Strukturen).
Abb. 2: Rommerskirchen-Evinghoven, (Gesamtplan der römischen Befunde: Hauptgebäude (schematisch), Periode 1 = schwarz; Periode 2 = dunkelgrau; Teich/Weiher = türkis; B = Brunnen; Of = Ofen; F = Fibelfunde; 1 Jh = Befunde der Frühphase; Spa = Befunde Spätphase, 1 - 16 = im Text erwähnte Strukturen).


1 Vorliegende Arbeit versteht sich als Vorbericht. Eine vollständige Fundauswertung hat bis zum jetzigen Zeitpunkt nicht stattgefunden. Dennoch erschien es lohnend, einzelne Aspekte dieses interessanten Fundplatzes aufzugreifen, zumal der Jubilar (Hans Ulrich Nuber), dem ich in vielerlei Hinsicht zum Dank verpflichtet bin, im Rahmen seiner weitgespannten wissenschaftlichen Tätigkeit immer ein Hauptaugenmerk auf die Entwicklung ländlicher Siedlungen richtete.

2 Als Projektleiter der Gesellschaft ABS Archäologische Baugrundsanierung mbH (Köln) war ich für die Untersuchungen verantwortlich. Ein Teil des Hauptgebäudes wurde im Anschluss durch das Rheinische Amt für Bodendenkmalpflege (RAB) unter der Leitung von Herrn Dr. M. Gechter untersucht, dem ich an dieser Stelle für die Erlaubnis danke, den entsprechenden Bereich in den Gesamtbefundplan aufnehmen zu dürfen.

3 Münzen fehlen fast vollständig, daher stützen sich die im Folgenden genannten absoluten Zeitangaben vorwiegend auf Keramiktypen.

 

Frühphase

Älteste Siedlungsspuren weisen in die zweite Hälfte des 1. Jahrhunderts n. Chr.4 Es handelt sich um mehrere Gruben, einen Brunnen sowie ein Gräbchen (Abb. 2).

Unter den zahlreichen, undatierten Pfostengruben können sich solche der Frühphase verbergen, doch lässt sich in keinem Fall ein Gebäude rekonstruieren. Das spärliche Fundmaterial gibt keinerlei Hinweise auf spezielle Tätigkeiten. Der chronologische Rahmen der Frühphase stützt sich auf Fibeln sowie keramische Waren und Formen. Neben vereinzelten Fragmenten südgallischer Terra Sigillata (u. a. Drag. 24 und 29) und Belgischer Ware (Terra Nigra) begegnen Gebrauchskeramikformen wie Hofheim 50, 66, 80, 87, 91, und 121 sowie einige Fragmente freihandgeformter Ware mit Kamm- bzw. Besenstrichmuster, darunter ein sogenannter Halterner Kochtopf (Ha 58). Aus verlagerten Zusammenhängen im Bereich einer frühen Befundkonzentration im Süden des Plangebietes (Abb. 2) stammen zwei Fibeln, deren Umlaufhöhepunkte in vorflavischer Zeit anzusiedeln sind (Abb. 3).

Es handelt sich um eine eingliedrige Spiralfibel mit vier Windungen, unterer Sehne und bandförmigem Bügel (Riha Gruppe 1) sowie um eine Scharnierflügelfibel mit Weißmetallüberzug. Die wenigen südgallischen Sigillaten datieren in flavische Zeit. Doch ist es fraglich, ob wir damit den Siedlungsbeginn fassen oder nur den Zeitpunkt, seit dem sich der Gutsbesitzer Sigillata leisten konnte oder wollte. In diesem Sinne diskutierte W. Zanier – im Zusammenhang mit Datierungsmöglichkeiten frühkaiserzeitlicher ländlicher Siedlungen im Alpenvorland – den erst in flavischer Zeit in großen Mengen einsetzenden Absatz von Terra Sigillata auf dem Lande.5 Er wies auch auf den Umstand hin, dass ein Vorkommen älterer Fibeln meist mit ̒Altstücken’ erklärt wird. Vor diesem Hintergrund erscheint aufgrund der Fibeln ein vorflavischer Beginn der Siedlung von Evinghoven möglich. In diese Richtung weist auch der freihandgeformte Halterner Kochtopf, wenngleich er nicht in der für die augustische Zeit typischen sogenannten Korkware hergestellt wurde.

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Die der Grabung vorausgehende Prospektion (PR 2002/348; PR 2003/306) erbrachten eine neolithische Pfleilspitze sowie drei Keramikscherben "vorgeschichtlicher Machart". Im Zuge der Grabungen konnte darüber hinaus eine spanglättverzierte metallzeitliche Scherbe geborgen werden, jedoch keine gesicherten vorrömischen Befunde.

5 Zanier 2004, 243.

 

Abb. 3: Eingliedrige Spiralfibel, Riha Gruppe 1 (links) und SCharnierflügelfibel mit Weißmetallüberzug.
Abb. 3: Eingliedrige Spiralfibel, Riha Gruppe 1 (links) und Scharnierflügelfibel mit Weißmetallüberzug.

 

 

Hauptphase

Für den Beginn der Hauptphase stehen keine stratifizierten Fundkomplexe zur Verfügung. Er kann deshalb nur allgemein in das 2. Jahrhundert gesetzt werden. Das direkt in Stein errichtete Hauptgebäude (Abb. 2,1) lag an der höchsten Stelle des Geländes und war nach Osten, auf den nahe vorbeifließenden Gillbach, ausgerichtet. Als Baumaterial diente hauptsächlich Liedberger Sandstein. Es handet sich um eine mehrperiodige Risalitvilla, deren 36 m lange Front vielleicht nur einen Risaliten im Norden besaß (Abb. 2,2). Von einer möglichen Portikus haben sich nur geringe Reste erhalten. Drei Raumzeilen im Norden, Westen und Süden umschließen einen großen Innenhof. Zwei hypokaustierte Räume in der Südwestecke könnten zu einem kleinen Badetrakt gehört haben (Abb. 2,3), doch ist dies keineswegs gesichert, da sich außer der Beheizung keine weiteren Belege (etwa Zu- oder Ableitungen) nachweisen ließen. Zur Vorratshaltung diente ein Keller nördlich der hypokaustierten Räume (Abb. 2,4).

Dieser von Osten erreichbare Keller wurde noch während der Nutzungszeit des Gebäudes aufgegeben. Möglicherweise waren statische Probleme aufgetreten, wofür die eng aneinander gesetzten Mauerverläufe an dessen Nordseite sprechen könnten. Aufgrund der tiefreichenden Ausbruchgräben konnte die Abfolge dieser Mauern nicht mehr eindeutig geklärt werden. Der Nordflügel der Anlage weist trotz seiner sehr schlechten Erhaltung einige Besonderheiten auf. So besitzt die Außenmauer der ersten Periode zwei lisenenartige Vorsprünge im Norden, die sich an der gleichzeitigen Südmauer in kleinerer Gestalt auf etwa gleicher Höhe wiederholen. Es handelt sich dabei vielleicht um den architektonisch besonders hervorgehobenen, repräsentativen Hauptzugang der ersten Periode. Auffallenderweise sind nicht nur einzelne Fundamentzüge, sondern sogar Fundamentabschnitte innerhalb einer Raumflucht in völlig unterschiedlichen Breiten ausgeführt worden. Auch waren die Fundamentierungen im Bereich der Durchgänge häufig nicht durchlaufend ausgeführt. Sollten uns die Überlieferungsbedingungen hier nicht in die Irre führen, deutet dies auf eine äußerst ökonomische Planung der Fundamente. Über die Gestaltung der Böden ist nichts bekannt. Wenige Fragmente von polychrom bemaltem Wandverputz und auch von Fensterglas, die südlich des Hauptgebäudes gefunden wurden, geben uns nur eine vage Vorstellung von seiner ursprünglichen Innenausstattung. Nach einem Brand in der ersten Hälfte des 3. Jahrhunderts6 wurde an der Nordseite ein hallenartiger, nach Osten offener Raum angebaut (Abb. 2,5).

Dadurch dürfte der ursprüngliche Zugang seine repräsentative Wirkung verloren haben. Gleichzeitig wurde der Nordflügel zum Innenhof hin um einen schmalen Anbau erweitert. In der Ecke – zwischen diesem Anbau und der vermuteten Portikus – wurde ein kleiner Stall gebaut. Dessen Westseite war durch zwei Pfostengruben nachzuweisen. Im Zentrum war ein für Pferde-/Maultierställe typischer Jauche- oder Sickergraben erhalten.7  Zwischen Stall und Westflügel wurde darüber hinaus eine Ofenanlage erstellt, deren genauer Zweck nicht bestimmt werden kann. Es handelt sich um ca. 0,25-0,3 m breite, in den Boden eingetiefte Kanäle mit verziegelter Wandung. Möglicherweise ist eine Deutung als Darre oder Räucherofen zutreffend. Östlich des Risalits befand sich ein kleiner, ca. 3,15 x 1,6 m messender Vierpfostenbau mit zentralem Punktfundament, einer rechteckigen Kiesrollierung mit einer Seitenlänge von 1,16 x 1,3 m (Abb. 2,6).

Der südwestliche Eckpfosten schneidet eine Grube der Frühphase. Unklar ist, ob das Punktfundament tatsächlich gleichzeitig mit dem Vierpfostenbau – zumindest bei einer geschlossene Rekonstruktion des Holzbaus – zu sehen ist. An drei Ecken des Fundaments waren kleine, flache Mulden, in denen sich zahlreiche Kalksteinsplitter befanden. Das Hauptgebäude – als einziger bislang nachgewiesener Steinbau – war aus Sandstein errichtet. Aus Kalkstein hingegen bestand eines von mehreren Jupitermonumenten (Pfeiler oder Säule?), von denen sich umfangreiche Reste in der Verfüllung zweier Brunnen östlich des Hauptgebäudes fanden (s. u. Abb. 2,11-12). Vermutlich haben wir mit dem Punktfundament einen der seltenen direkten Hinweise auf den konkreten Aufstellungsort eines Jupitermonuments innerhalb einer Villa rustica.8 Mit Ausnahme eines Brunnens, genau auf der verlängerten Mittelachse des Wohnhauses gelegen (Abb. 2,7), war dessen Vorfeld von einer weiteren Bebauung freigehalten. Ein unmittelbar östlich des Brunnens nachgewiesenes unregelmäßiges Gräbchen (Abb. 2,8) trennte während der ersten Periode den Wohnbereich (pars domestica) vom Wirtschaftsteil (pars rustica). Im Zuge des o. g. Brandes im 3. Jahrhundert wurde der Brunnen wie auch das Gräbchen aufgegeben und verfüllt. Die Unterteilung in Wohn- und Wirtschaftsbereich blieb jedoch bestehen und wurde nun von einer Umfassung (Zaun?) gebildet, von der sich erhaltungsbedingt nur noch Reste zahlreicher ausgesteinter Sohlen mächtiger Pfostengruben mit Durchmesser von ca. 0,6-0,7 m nachweisen ließen (Abb. 2,9).

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6 Leitformen der mit dem Zerstörungsschutt verfüllten Befunde waren entwickelte Typen der Formen   Niederbieber 86 und 89, die eine feinere Datierung nicht zulassen.
7
Zu gleichartigen Befunden zuletzt Sommer 1999, 84-90 sowie Schaub 1999, 106-108.
8
Bekannt ist beispielsweise der Standort einer Jupitergigantensäule im vicus von Walheim, wo neben der verstürzten Säule noch Reste des Fundaments dokumentiert wurden. Filtzinger 1974, 437-481, bes. Abb. 4 u. 5.  

Während durch das Gräbchen der ersten Periode lediglich eine östliche Begrenzung des Wohnbereichs markiert wurde, umschloss die Pfostenreihe der zweiten Periode, vor der Südostecke des Hauptgebäudes beginnnend, zumindest auch die Südseite. Stein- und Ziegelanhäufungen innerhalb des Gräbchens belegen vermutlich weitere Pfostenstellungen auf der Flucht der älteren Begrenzung. Der nördlichste nachgewiesene Pfosten liegt in der Verlängerung des früheren Gräbchens, beim nördlichen Abschluss des hallenartigen Anbaus an der Nordseite des Hauptgebäudes. Der Zugang zum Wohnbereich erfolgte offenbar von Südosten, wo die Pfostenstellung unterbrochen ist. Das östliche Vorfeld des Hauptgebäudes blieb auch außerhalb dieser Begrenzungen weitgehend unbebaut. Ausnahme bildet ein langrechteckiger, zweischiffiger Pfostenbau von ca. 17,75 x 7 m (Abb. 2,10).

 

Ein parallel zur Nordseite verlaufendes Gräbchen nimmt – mit dem Ansatz einer südlichen Abzweigung auf Höhe des Westabschlusses – Bezug auf den Pfostenbau. Möglicherweise handelt es sich um einen Anbau. Pfostenstellungen konnten darin allerdings nicht nachgewiesen werden. Zwei Gruben in der östlichen Gebäudehälfte gehören der Frühphase an. Da aus einigen Pfostengruben Keramik des 2. Jahrhunderts geborgen werden konnte, ist es jedoch ausgeschlossen, dass das Gebäude gleichzeitig mit diesen Gruben bestanden hat. Anders hingegen die Grube im Westteil des Gebäudes (Abb. 2,11).

Sie wurde erst im 3. Jahrhundert verfüllt. Wahrscheinlich stehen die Verfüllung der Grube und das Ende des Pfostenbaus im Zusammenhang mit dem bereits erwähnten Brand. Aus der Grubenverfüllung stammen Objekte, die im Zusammenhang mit Jagd und entsprechender Weiterverarbeitung (Geweihschnitzerei) zu sehen sind. Es handelt sich um mehrere Geweihreste mit Bearbeitungsspuren, einen Wetzstein sowie um eine Pfeil- oder Lanzenspitze mit Widerhaken (Abb. 4).

 

Abb. 4: Hinweise auf Jagd und Geweihschnitzerei im Pfostenbau (s. Abb. 2, 10). Geweihreste mit Bearbeitungsspuren sowie Pfeil- oder Lanzenspitze mit Widerhaken.
Abb. 4: Hinweise auf Jagd und Geweihschnitzerei im Pfostenbau (s. Abb. 2, 10). Geweihreste mit Bearbeitungsspuren sowie Pfeil- oder Lanzenspitze mit Widerhaken.

Interessanterweise entspricht der hallenartige Anbau an der Nordseite des Hauptgebäudes sowohl in den Maßen wie auch mit der geöffneten Ostseite genau diesem Pfostenbau. Es ist durchaus verlockend anzunehmen, dass nach der Brandzerstörung des 3. Jahrhunderts dieses Gebäude mit seiner wirtschaftlichen Funktion in das Hauptgebäude integriert wurde. Wie bereits gesehen, sind mit der mutmaßlichen Räucheranlage sowie mit dem Pferdestall weitere wirtschaftliche Teileinheiten in den Bereich des Haupthauses verlegt worden. Südlich des Hauptgebäudes konnten für die Hauptphase zwei Teiche mit Durchmessern von jeweils 10-12 m nachgewiesen werden. Sie dienten vielleicht als Viehtränken, der Haltung von Fischen, die in stehenden Gewässern heimisch sind oder für den Ernstfall als Löschwasserreservoir. Aber auch diese Teiche, die mit der wirtschaftlichen Funktion der Gesamtanlage zu tun haben, wurden nach dem Brand verfüllt und nicht erneuert. Stattdessen lassen sich mehrere Pfostenstellungen in deren Verfüllschichten nachweisen, ohne dass sich daraus jedoch sinnvoll Gebäudegrundrisse ergänzen ließen. Östlich des Zugangs zur pars domestica wurden zwei Brunnen errichtet (Abb. 2,11 und 2,12), die nach Aufgabe des ersten Brunnens (Abb. 2,7) die Wasserversorgung gewährleisteten. In den oberen Verfüllschichten beider Brunnen fanden sich Reste mehrerer zerschlagener Götterdenkmäler.9 Der Erhaltungsgrad der Steine zeigt, dass sie zumindest teilweise in bereits beschädigtem Zustand längere Zeit der Witterung ausgesetzt waren, bevor sie frühestens im 4. Jahrhundert10 in die bereits teilverfüllten Brunnen gelangten. Im Einzelnen handelt es sich um drei sitzende Jupiterdarstellungen (Abb. 5), eine stehende weibliche Gewandfigur, einen Dreigötterstein (Abb. 6), Sockel-, Gesims und Säulenfragmente sowie wenige Inschriftenreste. Die Sitzfiguren begegnen im Schema des thronenden Jupiters (Captolinus- Typus). Zwei der Ioves (Figuren A und B, Abb. 5 von links nach rechts) sind aus Liedberger Sandstein gearbeitet, die dritte (Figur C, Abb. 5 rechts) aus Kalkstein. Die Figuren A und B sind von den Schultern an in einem Stück erhalten, Köpfe und Arme sind abgebrochen, Beine und Füße zum Teil beschädigt. Figur A ist in Beinstellung, Oberkörpervolumen und Manteldrapierung stilistisch mit einer frühseverischen Statue aus Köln (Noelke 4111) vergleichbar. Figur B zeigt in Beinstellung, Faltenwurf und Oberkörpergestaltung Ähnlichkeiten mit einer ebenfalls aus Köln stammenden Statue auf (Noelke 23), die in die 30er Jahre des 3. Jahrhunderts datiert.

Abb. 5: Jupiterfiguren (v.l.n.r. A-C) aus Rommerskirchen-Evinghoven.
Abb. 5: Jupiterfiguren (v.l.n.r. A-C) aus Rommerskirchen-Evinghoven.

Figur C lässt sich aus mehreren Bruchstücken zusammensetzen. Sie unterscheidet sich von den beiden Sandsteinfiguren in der Beinstellung, darüber hinaus trägt sie Sandalen. Sie steht stilistisch einem Jupiter aus Köln-Deutz (Noelke 47) sowie einem aus Remagen (Noelke 65) nahe, die in die Mitte des 3. Jahrhunderts datiert werden. Der Dreigötterstein (Kalkstein) war vermutlich Teil desselben Jupitermonuments wie Figur C. Die glatte Vorderseite trug die Weiheinschrift I(OVI) O(OPTIMO) M(AXIMO). Die senkrechten Randleisten der rechteckigen Bildfelder auf den Reliefseiten sind ornamentiert, die oberen Bildfeldgrenzen sind mit geraden Ansätzen und kleinen Nischenbögen um die Köpfe ausgearbeitet. Auf dem linken Seitenrelief ist Juno dargestellt (Abb. 6). Sie ist mit Chiton und Mantel bekleidet und trägt Ohrschmuck. Ihr Haupt ist verschleiert. In ihrer Linken hält sie das Zepter, in der Rechten eine Fackel schräg vor dem Körper. Hinter ihrer rechten Schulter sitzt der Pfau auf einem Pfeiler. Die beiden anderen Reliefs wurden wohl absichtlich abgeschlagen. Auf der rechten Seite lässt sich noch eine Figur mit gefiedertem Helmbusch erkennen, die in der Rechten eine Lanze schräg vor dem Körper hält und deren Linke auf einem Schild ruht.  Hierbei handelt es sich vermutlich um Minerva, wenngleich aufgrund der Attribute auch Mars oder Virtus dargestellt sein könnten. Die Darstellung der Rückseite ist nicht mehr zu erkennen. Vielleicht war hier, wie bei einem Viergötterstein aus Frankfurt-Heddernheim (Bauchhenß 143), Hercules dargestellt. Zur Datierung des Dreigöttersteins lässt sich ein Reliefpfeiler aus der Mitte des 3. Jahrhunderts aus Rommerskirchen heranziehen (Noelke 175). Die dort dargestellte Luna ist mit ihrer körperlichen Geschlossenheit mit der Juno aus Evinghoven sehr gut vergleichbar. Ähnlichkeiten sind aber auch bei der Ausarbeitung der Nischen und Rosetten feststellbar.

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9 Die Einordnung der Steindenkmäler geht im Wesentlichen auf die Arbeit von T. Kohlberger zurück, der     ich für  die Überlassung ihrer Ergebnisse herzlich danken möchte.

10 Es fand sich dort auch eine Randscherbe eines Gefäßes der Form Chenet 320.

11 Die Angaben erfolgen nach Bauchhenß/Noelke 1981. 

Abb. 6: Junorelief des Dreigöttersteins aus Rommerskirchen-Evinghoven.
Abb. 6: Junorelief des Dreigöttersteins aus Rommerskirchen-Evinghoven.

Keine der zahlreichen mittelkaiserzeitlichen Gruben war durch besondere Gestaltung oder Fundinventar in ihrer Funktion zu bestimmen. Besondere Erwähnung soll jedoch ein Befund im Süden des Untersuchungsgebietes finden (Abb. 2,16).

Es handelt sich um eine annähernd rechteckige, ca. 0,8 x 0,7 m messende Grube mit einer Tiefe von etwa 0,45 m. Im oberen Bereich fanden sich mehrere bis faustgroße Sandsteinbrocken sowie Ziegelbruch. Knapp unter der erhaltenen Oberfläche kamen die vier eisernen Eckbeschläge einer rechteckigen Holzkiste zum Vorschein. Vom Holz selbst hatte sich nichts erhalten. Etwa 5-10 cm tiefer lag in der Mitte einer Längsseite das zugehörige Drehschloss und nach weiteren 0,2 m folgten die vier unteren Eckbeschläge. Aufgrund der Fundlage lässt sich die Grundfläche der Kiste auf ca. 0,72 x 0,45 m, ihre Höhe auf etwa 0,30 m rekonstruieren. Darüber hinaus war die Grube mit Ausnahme weniger unspezifischer Keramikscherben (darunter auch Reste mittelkaiserzeitlicher ̒Firnisware’) fundleer. Da es kaum vorstellbar ist, dass die Kiste leer vergraben wurde, ist es denkbar, dass wir es mit dem besonderen Fall eines geborgenen Verwahrfundes zu tun haben. Als der Inhalt entnommen wurde, war die Kiste vielleicht bereits so brüchig, dass sich die Bergung nicht mehr lohnte, obgleich den Beschlägen und vor allem dem Schloss ein gewisser Materialwert beizumessen ist.

 




Spätphase

Wenige Befunde spätrömischer Zeit belegen eine Nutzung des Areals auch nach der Mitte des 4. Jahrhunderts. Unklar ist allerdings, ob es sich in dieser Zeit noch um einen geregelten Villenbetrieb handelte. So lag im zentralen Bereich der mutmaßlichen Portikus eine mit Brandschutt verfüllte Grube (Abb. 2,14), aus der vier spätrömische Prägungen geborgen wurden, darunter die jüngste Münze der Siedlung, eine kaum umgelaufene Prägung des Magnentius. Darüber hinaus fand sich dort ein fast vollständiges Gefäß rädchenverzierter Argonnensigillata der Form Chenet 320 sowie ein fragmentiertes Schwert (Abb.7).

 

Abb. 7: Fragmentiertes eisernes Schwert aus einer spätrömischen Grube.
Abb. 7: Fragmentiertes eisernes Schwert aus einer spätrömischen Grube.

Mit Ausnahme einer weiteren Scherbe rädchenverzierter Argonnenware, die als Streufund geborgen wurde, blieb der Bereich des Hauptgebäudes ohne weiteren spätrömischen Fundniederschlag. Südlich der pars domestica kann die Verfüllung eines weiteren Brunnens aufgrund des Vorkommens spätrömischer Töpfe der Form Alzey 27 in das 4. Jahrhundert datiert werden. In die Spätphase gehören sehr wahrscheinlich auch neun Öfen, die sich ebenfalls südlich der pars domestica befunden haben und die jeweils benachbarten Befunde überlagern. Soweit sie erhalten waren, besaßen sie alle runde bis birnenförmige Brennräume mit Durchmessern von ca. 0,5 m mit anschließendem Feuerungskanal. Eindeutige Hinweise auf deren Funktion – etwa Fehlbrände oder Schlackenanhäufungen – ergaben sich nicht. Allerdings lagen bei einem der Öfen eine bronzene Nähnadel, eine Bronzestatuette eines Löwen auf  bleigefülltem Sockel (Abb. 8) sowie ein kleiner Bleibarren12 (Abb. 9).

Möglicherweise dienten die Öfen also dem Einschmelzen von Altmetallen. In diesem Fall könnten sie der Zeit nach der regulären Villennutzung angehören und eine planmäßige Plünderung der Ruinen anzeigen.13 Westlich der Öfen konnte ein beigabenloses, süd-nord ausgerichtetes Körpergrab dokumentiert werden (Abb. 2,14). Aus der Verfüllung der Grabgrube stammt lediglich kleinteilige, verlagerte, mittelkaiserzeitliche Gebrauchskeramik, weshalb keine genauere Datierung erfolgen kann. 

 

 


Abb.8: Bronzene Löwenstatuette mit bleigefülltem Sockel, gefunden bei einem der Öfen der Spätphase.
Abb. 8: Bronzene Löwenstatuette mit bleigefülltem Sockel, gefunden bei einem der Öfen der Spätphase.
Abb. 9: Bleibarren, gefunden bei einem der Öfen der Spätphase.
Abb. 9: Bleibarren, gefunden bei einem der Öfen der Spätphase.








Schlussbemerkung

Mit Rommerskirchen-Evinghoven liegt ein neuer ländlicher Siedlungsplatz auf dem Territorium der CCAA vor. In näherer Umgebung sind großflächige Untersuchungen solcher Anlagen keinesfalls häufig.14 Auch wenn eine abschließende Auswertung noch aussteht, sind bereits zum jetzigen Zeitpunkt interessante Aspekte zum Siedlungsablauf erkennbar. So ist besonders bemerkenswert, dass nach einem Brand im 3. Jahrhundert einerseits alle wirtschaftlichen Einrichtungen in der näheren Umgebung des Hauptgebäudes aufgegeben und andererseits solche unmittelbar in das Hauptgebäude integriert werden. Auch wenn nicht das ganze Villenareal untersucht werden konnte, so ist doch eine flächenmäßige Rekonstruktion hin zu einer ̒Kompaktanlage’ augenfällig.15 Ungewöhnlich ist der Nachweis von drei Jupiterdenkmälern an einem Villenplatz. Die stilistische Datierung belegt, dass alle Figuren erst im 3. Jahrhundert entstanden sind. Ob der geringe spätrömische Fundniederschlag ausreicht, eine durchgehende Besiedlung der Anlage nachzuweisen, muss offen bleiben. Möglicherweise stehen die Öfen und Gruben, der Brunnen sowie das beigabenlose Körpergrab aber auch im Zusammenhang mit einer systematischen Plünderung der ruinösen Gebäude zur Gewinnung beispielsweise von Altmetallen. Dass die brandschuttverfüllte Grube im Bereich des Hauptgebäudes neben einem fragmentierten Schwert auch noch eine Prägung des Usurpators Magnentius als Schlussmünze aufweist, könnte auf ein gewaltsames Ende der Siedlung im Zuge der Unruhen dieser Zeit schließen lassen.16 Eine umfassende Aufarbeitung  des Fundplatzes verspricht Antworten auf einige der hiergestellten Fragen.

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 12 Die Stücke lagen nicht innerhalb des Brennraums, sondern wurden beim Präparieren des Planums – wenige Zentimeter südlich vom Ofen – gefunden.
13 Aufgrund fehlender datierender Beifunde wurden die meisten Öfen beprobt, um archäomagnetische Daten zu gewinnen. Die Ergebnisse stehen noch aus.
14 Kunow 1994, Abb. 10.14
15 Mit dem Phänomen der Reduktion im 3. Jahrhundert hat sich unter anderem auch der Jubilar mehrfach auseinandergesetzt: H. U. Nuber 1976, 551 (Schwäbisch Gemünd); H. U. Nuber/G. Seitz 1995, 160.
16 Zu weiteren Fundplätzen Niedergermaniens, die im Zuge der Magnentius-Usurpation zerstört worden sein könnten, Kunow 1994, 149. 

 


Publikation zu diesem Bericht:

"Im Dienste Roms", Festschrift für Hans Ulrich Nuber

Herausgeberin: Gabriele Seitz

Verlag: Bernhard Albert Greiner (2006),
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