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Die Gräber von Rommerskirchen, Rhein-Kreis Neuss - Anthropologische Bestimmung der Skelettreste aus dem Bleisarg



Das Skelett aus dem Bleisarg ist sehr gut erhalten. Bis auf das Schambein und einige Finger- und Fußknochen sind sämtliche Knochen annähernd vollständig vorhanden.
Als Alterskriterien können bei diesem Skelett der Verwachsungsgrad der Schädelnähte, das Stadium des Umbaus an den Oberarm- und Oberschenkelgelenken, die Ausprägung der Nahtstelle zwischen Becken und Kreuzbein und der Abnutzungsgrad des Gebisses herangezogen werden. Es ergibt sich ein Alterbereich von 30 bis 40 Jahren.

Vor allem der Gesamteindruck der Knochen am Becken weist auf ein männliches Individuum hin. Am Schädel finden sich ebenfalls einige Merkmale: ein entsprechend eindeutiges Bild liefern hier die Ausprägung des Obernasenbereichs, der Rand der Augenhöhlen und die Augenhöhlenausprägung. Am Unterkiefer sind Kinn und der Unterkieferwinkel ebenfalls männlich ausgeprägt. Am vorliegenden Skelett konnten in mehreren Bereichen pathologische Veränderungen diagnostiziert werden. Zahlreiche Zähne waren von Karies befallen. An einem Fortsatz des rechten Schulterblattes findet sich ein gradliniger Abbruch. Die Ursache eines solchen Bruches liegt vor allem in einem direkten Stoß von oben auf die Schulter bei gleichzeitigem Riss der benachbarten Bänder. Die Auswirkungen dieser Verletzung sind schwer abzuschätzen.

Im Bereich des rechten, unteren Brustkorbes findet sich an der 6. und 7. Rippe eine leicht schräg laufende Serienfraktur. Die Verletzung ist auf diese beiden Knochen begrenzt. Beide Bruchstellen (Kakusbildung).

Die Vermessung von Knochen dient generell zur Beschreibung und Rekonstruktion der Größe und Wuchsform des Individuums. Zunächst bedarf es der Rekonstruktion der Körperhöhe, die anhand einer durch die Vermessung lebender Individuen entwickelten Formel ermittelt wurde. Hieraus ergibt sich für das vorliegende Individuum eine Körperhöhe von 171 cm. Die kräftige Ausprägung der Knochen des rechten Arms weist das Individuum als Rechtshänder aus.
Rommerskirchen, Rhein-Kreis Neuss

 


Von allem etwas - ein ländlicher römischer Bestattungsplatz in Rommerskirchen



Peter Heinrich, Thomas Ibeling und Sabine Jürgens

Für das Jahr 2006 plante die Gemeinde Rommerskirchen zur Entlastung der durch den Ortskern verlaufenden B 59 den Bau einer 5 km langen, südlich um den Ort führenden Tangente. In wiederholten Begehungen lokalisierte hier der ehrenamtliche Mitarbeiter M. Hundt anhand von Oberflächenfunden mehrere vorgeschichtliche und römische Fundplätze. Neben einem metallzeitlichen Fundplatz am westlichen Ortsrand sind vor allem mehrere römische Siedlungsstellen am Gillbach zu nennen. Aufgelesene Keramik- und Baufragmente lassen sowohl westlich als auch östlich des Baches Gutshöfe (villae rusticae) erwarten. Die Datierung des Fundmaterials weist auf eine dichte Besiedlung in diesem Gebiet vom 1. bis ins 4. Jahrhundert hin.

Diese Funde gaben Anlass zu einer bauvorgreifenden archäologischen Untersuchung. Ihre Notwendigkeit bestätigte sich bereits im ersten untersuchten Trassenabschnitt zwischen der B 477 und dem Gillbach. Hier fand sich an seinem östlichen Ufer, in den flachen Oberhang eingetieft, eine einzeln gelegene bustum-Bestattung. Etwa 65 m nordwestlich davon kam in etwas höherer Lage des zum Gillbach relativ stark abfallenden Uferhanges eine kleine Grabgruppe zutage. Sie bestand aus drei nebeneinander liegenden Särgen, die eindeutig Bezug aufeinander nehmen (Abb. 8). Diese kleine Grabgruppe gewährt auf engstem Raum aufschlussreiche Einblicke in römerzeitliche Bestattungssitten. So konnten unterschiedliche Bestattungsarten (Brand- und Körperbestattung), unterschiedliche Sargtypen (Holzsarg, Lampenbeigabe) beobachtet werden. Während das bustum und die Körperbestattung im Holzsarg vor Ort vollständig untersucht werden konnten, wurden für den Steinsarkophag und den Bleisarg im Zuge der Freilegung zunächst nur die Fundumstände und der Befundzusammenhang dokumentiert. Die beiden letztgenannten Särge wurden nach einer Blockbergung dem Rheinischen LandesMuseum Bonn zur weiteren Bearbeitung übergeben.

Als ein bustum bezeichnet die Fachsprache eine Brandbestattung, bei welcher der Scheiterhaufen mit dem Leichnam unmittelbar über der vorbereiteten Grabgrube errichtet wurde. Das Rommerskirchener Beispiel zeichnete sich im Planum als rechteckige, 1,90 m lange und 1,15 m breite, ostwestlich orientierte Grabgrube mit vollständig verziegelter Wandung ab und war in einer Tiefe von ca. 0,50 m erhalten. Der Leichenbrand lag unregelmäßig verstreut innerhalb der Brandschicht. Die Untersuchung dieses Befundes lieferte keine Hinweise auf eine Grabnische oder sonstige Grabeinbauten. Das aus der Brandschicht geborgene keramische Material war größtenteils stark zerscherbt und verbrannt. Das Beigabenspektrum umfasst einen sog. "Honigtopf" (Niederbieber 79a), einen Glanztonbecher mit Griesbewurf (Stuart 2), einen fast vollständigen Napf aus Terra Sigillata (Drag. 33), einen nur noch sehr fragmentarisch erhaltenen Einhenkelkrug (Stuart 110), einen rauwandigen Teller (Stuart 218), einen Teller (Niederbieber 111a Variante) sowie fünf weitere Teller vom Typ Niederbieber 53a. Mit Hilfe der gefundenen Keramik lässt sich das bustum ins späte 2. bis frühe 3. Jahrhundert datieren. Darüber hinaus wurde eine Münze geborgen, die wegen ihres schlechten Erhaltungszustandes vorerst nicht zur Datierung herangezogen werden kann.

Die ca. 65 m nordwestlich des bustums aufgedeckten Gräber, in denen die Verstorbenen in Särgen aus unterschiedlichen Materialien zur letzten Ruhe gebettet worden waren, wiesen annähernd die gleiche Ausrichtung wie das bustum auf. Die Grabgruben waren mit einem Abstand von ca. 0,80 m und ca. 1,80 m parallel zueinander angeordnet und deutlich tiefer in den anstehenden Boden eingelassen als die bustum-Bestattung. Der Steinsarkophag stand zwischen dem Blei- und dem Holzsarg (Abb. 8).

Der Bleisarg war im Planum als langgestreckt rechteckiger Bleimantel (2,25 x 0,55 m) zu erkennen. Er lag in einer kastenförmigen Grabgrube mit einheitlicher Verfüllung. Mehrere von innen durch die Bleiwandung getriebene Eisennägel sowie Reste vergangenen Holzes auf der Grubensohle belegen, dass es sich hier ursprünglich um einen Holzsarg mit Bleiauskleidung handelte. Er wurde mit der Grabgrubenfüllung im Block geborgen. Spätere Untersuchungen im Rheinischen LandesMuseum Bonn brachten aus dem Sarg ein gut erhaltenes Skelett ohne Beigabe zutage. Allerdings fanden sich im umgebenden Erdreich noch zwei zum Trinkgeschirr gehörende Gefäße, nämlich einen Becher Niederbieber 30a und eine kleine Terra-Sigillata-Schüssel Niederbieber 12b.

Der ca. 2,30 m x 1,00 m x 0,70 m messende Trog des Steinsarkophags besteht aus rötlichem quarzitischem Sandstein. Seine Außenwandung weist auf allen Seiten teils bogenförmige Scharrierungen auf. Die mit noch intakten Eisenklammern befestigte Deckelplatte von ca. 2,20 m x 1,10 m x 0,20 m ist aus hellem Kalksandstein gefertigt und lässt über weite Partien ebenfalls Bearbeitungsspuren erkennen. Die unterschiedlichen Längen- und Breitenabmessungen der Sarkophagbestandteile zeigen, dass Trog und Deckel nicht passgenau gearbeitet wurden. In der Regel werden solche Material- und Maßunterschiede als Indiz für eine Zweitverwendung gewertet. Die mehrschichtig verfüllte Grabgrube wies steil abgetiefte Seitenwände auf. Daraus lässt sich schließen, dass der Sarkophag mit Hilfe einer speziellen Hebevorrichtung von oben in die Grabgrube abgesenkt wurde. Eine unmittelbar an die östliche Schmalseite des Befundes angrenzende grubenartige Vertiefung könnte als Standgrube für eine solche Vorrichtung gedient haben. Vor der nordwestlichen Schmalseite des Sarkophages konnte eine vollständig erhaltene Glasflasche (Goethert-Polaschek 79a) geborgen werden. In der Steinkiste fand sich eine Brandbestattung mit reichen Beigaben, darunter zahlreiche Glas- und Keramikgefäße sowie eine Tonlampe.

Der vergangene Holzsarg zeichnete sich ca. 80 cm unterhalb des ersten Planums als langrechteckige Verfärbung ab. Die Grabgrube war bis auf wenige Scherben und Ziegelbruchstücke einheitlich verfüllt. Unmittelbar neben der noch als dunkles Band erkennbaren Sargwandung fanden sich längsseitig in regelmäßigen Abständen aufrecht stehende große Sargnägel. An den Schmalseiten wurden größere länglich stark korrodierte Eisenobjekte, anscheinend Sargbeschläge, entdeckt. Genauere Aussagen zur Funktion sind erst nach der Restaurierung möglich.

Der Sarg enthielt ein Skelett in gestreckter Rückenlage mit Blick nach SO, von dem aufgrund der schlechten Erhaltungsbedingungen nur noch der Schädel und die Extremitäten gut zu erkennen waren. Die Unterarme waren im Beckenbereich auf Höhe der Handgelenke verschränkt. Zwischen den Mittelhandknochen fand sich eine Münze mit anhaftenden Textilresten, die ohne Restaurierung nicht bestimmbar ist. Die Gefäßbeigaben bestanden aus sechs vollständig erhaltenen Keramikgefäßen (Abb. 9), einer intakten Glasflasche und einer stark zerscherbten, weitmundigen Schüssel (Niederbieber 109), deren verkippte Lage darauf schließen lässt, dass sie ursprünglich wohl auf dem hölzernen Sargdeckel platziert war. Hinter dem Kopf des Skeletts waren ein Einhenkelkrug (Stuart 111) und ein Becher (wie Niederbieber 32, ohne Überzug) deponiert. Am Fußende fanden sich ein weiterer Einhenkelkrug (Haalebos 6350), ein Becher (Niederbieber 33), eine kleine Schüssel (Niederbieber 38), ein Teller, der innen und außen noch Reste eines dunkelrotbraunen Farbberzugs aufweist (Niederbieber 52a) und eine bauchige Glasflasche (Goethert-Polaschek 79a). Das Fundmaterial legt eine Datierung in die Mitte des 3. Jahrhunderts nahe.

Die Rommerskirchener Gräber können beim derzeitigen Bearbeitungsstand nur vorläufig ausgewertet werden. Aufgrund des Beigabeninventars lässt sich zunächst festhalten, dass das abseits gelegene bustum die älteste Beisetzungsform darstellt. Dafür spricht auch die Bestattungsart. In den Sargbestattungen der kleinen Grabgruppe manifestiert sich der in den NW-Provinzen im Laufe des 3. Jahrhunderts stattfindende Übergang von der Brand- zur Körpergrabsitte. Ob die Brandbestattung mit dem Steinsarkophag tatsächlich die älteste Beisetzung dieser Gruppe ist, kann ohne die Auswertung des Sarkophaginhalts nicht geklärt werden. Aufgrund der Anordnung der Sargbestattungen ist davon auszugehen, dass diese in einem relativ kurzen Zeitraum von zwei bis drei Generationen erfolgten. Die nahe liegende Frage nach verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen den drei Bestatteten kann zunächst nicht beantwortet werden. Die Nähe der aufwendigen Grablegen zueinander könnte darauf hindeuten, dass hier die Besitzerfamilie des Landgutes vom östlichen Bauchufer ihren Bestattungsplatz hatte. Ihre letzte Ruhestätte fiel nun der Verkehrsberuhigung zum Opfer.

Literatur:K. H. Lenz, Früh- und mittelkaiserzeitliche Bestattungsplätze ländlicher Siedlungen in der Niederrheinischen Bucht. In: P. FASOLD/T. FISCHER/H. V. HESBERG/M. WITTMEYER, Bestattungssitte und kultuerelle Identität. Xantener Ber. 7 (Köln 1998) 347-371.

Bericht aus Archäologie im Rheinland 2005, herausgegeben vom LANDSCHAFTSVERBAND RHEINLAND, Rheinisches Amt für Bodendenkmalpflege Bonn, Konrad Theiss Verlag, (Stuttgart 2006), S. 79 f.